Nach meiner Kinderpause wollte ich wieder mit ein paar wenigen Stunden in der Woche in die Berufswelt zurückkehren. Was eignete sich da besser als der Einzelhandel?! Bei uns in der Nähe gab es ein mittelständisches Mode- und Möbelhaus. Als ich damals dort anfing, war noch alles in einer Hand, das hat sich inzwischen geändert. „O tempora, o mores!“* Ich startete dort in der Abteilung Kindermode und Spielwaren, meine Kinder waren begeistert. Ich hingegen sah schon, wie von den Beiden mein schwer verdientes Geld in Autos, Puppenkleider, Flummis und ähnliches investiert wurde. Ich hatte zuvor noch nie im Einzelhandel gearbeitet und daher viel zu lernen. Aber: Ich war gelernte Hotelfachfrau, Dienstleistung war mir also ein Begriff und ich hatte kleine Kinder, was mir einen klaren Vorteil in dem Fachbereich verschaffte. Von Tag eins an hatte ich eine absolute Lieblingskollegin. Sie war etwas älter als ich, zierlich, hatte dunkle Haare und gütige braune Auge, eine Seele von einem Menschen. Sie war hilfsbereit, ruhig, besonnen und hatte immer einen guten Rat für mich zur Hand. Sie hatte meinen Sohn hervorragend für sein Outfit zur Konfirmation beraten – ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass mein Sohn an einem Kleiderbügel verstaut an der nächsten Kleiderstange endete. Das wäre garantiert passiert, hätte ich mit ihm das Outfit aussuchen müssen. Sie hatte mich von diversen Fehlkäufen bewahrt – wenn ich etwas im Modehaus entdeckte, was mich in Entzücken versetzte, rannte ich mit meiner Eroberung in der Hand nach oben, um mir ihren Rat einzuholen. So manches Mal wies sie mich darauf hin, dass dieses Kleidungsstück nicht für mich geeignet war, zeigte mir die Gründe auf und hatte immer Recht. Wenn meine Tochter Hosen brauchte, reichte ihr ein Blick auf mein Kind, ein Griff in den Jeansständer, ab in die Umkleide und zack eine neue Hose gekauft. Kein Gequengel, Gemoser und Gemecker. Meine Kollegin war ein Goldschatz. Sie hatte auch meinen Lehrgang verfolgen, sich meine Geschichten anhören und bei der Namensfindung verschiedener Charaktere helfen müssen, sie hatte keine Möglichkeit mir zu entkommen. Gab es unter den Kolleginnen Streit und Missgunst, hatte sie ein offenes Ohr für jedermann. Sie hat nie Partei ergriffen oder schlecht über Kollegen gesprochen. Sie war geduldig und hat viel ausgehalten. In den neun Jahren, die wir zusammengearbeitet haben, habe ich nur ein einziges Mal erlebt, dass sie empört war und geschimpft hat und das zu Recht. Nun sollte meine ehemalige Arbeitskollegin in ihren wohlverdienten Ruhestand gehen. Unbedingt wollte ich ihr zum letzten Arbeitstag etwas Wertvolles schenken, meinen Dank ausdrücken und ihr zeigen, wie gerne ich sie mag. Daraus entstand die Geschichte „Mugel & Most – Geschichten über die Freundschaft / Die gute Fee“. Die Geschichte habe ich für sie geschrieben. Sie sagte, die Geschichte würde ihr so gut gefallen, man müsste sie eigentlich verfilmen. Wie lieb von ihr. Mal sehen, wie es mit dieser Geschichte weiter geht.
*Zitat aus „Asterix und der Arvernerschild“

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